Enthüllt: 5 Geheimnisse übers Sprachenlernen

Enthüllt: 5 Geheimnisse übers Sprachenlernen

Für Elisa von Flohbair sind Sprachen ein wichtiger Bestandteil im Leben. Ihre Geschichte hat sie hier für dich erzählt:

Es war reiner Zufall. Im Jahr 1993 gingen meine Freundin Nicole und ich zum Tag der offenen Tür eines Gymnasiums namens Latina. Es war mein letztes Schuljahr auf der Grundschule und ich musste mich in den nächsten Wochen für ein Gymnasium entscheiden. In meiner Nähe gab es mehrere. Doch die Wahl war schnell getroffen. Bei der Besichtigung der Latina verliebte ich mich sofort in das imposante alte Gebäude und vor allem in den Fliesenboden im Erdgeschoss, auf dem wir hervorragend schlittern konnten.

Woran sollte ich meine Entscheidung im Alter von zehn Jahren auch sonst festmachen? Hauptsache eine Schule, auf der ich Abitur machen kann, um später mal einen guten Job zu kriegen – wie es damals noch hieß.

Der Einfluss dieser Schulwahl scheint mir heute beinahe schicksalhaft. Denn die Latina ist ein auf Sprachen spezialisiertes Gymnasium. So kam es, dass ich ab der fünften Klasse Englisch, ab der sechsten Klasse Latein, ab der siebten Klasse Französisch und ab der elften Klasse Spanisch lernte. Meine Noten waren zunächst nicht besonders gut. Die Sprachen schienen mir sehr theoretisch und ich hasste Vokabeln lernen.

Wozu auch?

Bis meine Eltern mich mit siebzehn Jahren mit auf einen Camping-Urlaub in Südfrankreich nahmen. Da ich ja Französisch in der Schule lernte, sollte ich übersetzen. Das war natürlich ein absoluter Reinfall, denn ich verstand weder die Franzosen, noch war ich in der Lage einen Satz zu bilden.

Aber ich verliebte mich in das Land.

Nach einer Woche Kajakfahren, Radfahren und Wandern in der fantastischen Landschaft der Gorges du Tarn zerriss mir der Abschied fast das Herz. Zurück in der Schule hatte sich meine Einstellung zum Sprachenlernen komplett geändert.

Vokabeln machten plötzlich Sinn. Ich wusste, dass ich irgendwann mal ein Auslandsjahr machen wollte.

#1 Wenn du eine Sprache lernen möchtest, darf sie nicht nur eine Theorie für dich sein. Finde dein Warum. Wie wird die Beherrschung der Sprache dein Leben in der Praxis verändern? Dieses Warum wird dich sehr motivieren, die Strapazen des Sprachenlernens durchzustehen.

Nach dem Abi hatte ich absolut keine Ahnung, was ich studieren sollte. Da ich weiterhin von anderen Ländern und vom Reisen fasziniert war, entschied ich mich der Einfachheit halber für das Übersetzen. Nach dem Vordiplom stand in diesem Studiengang auch ein Jahr im Ausland an. Ich bewarb mich für Lyon und ergatterte einen der zwei Plätze.

Der Abschied von der Familie war überraschend schmerzhaft und ich wäre am liebsten schon am ersten Tag wieder nach Hause gefahren. Doch ich hatte nicht genug Geld. Also blieb ich.

Die Stadt war wunderschön, das Wetter ein Traum und ich so traurig und einsam wie noch nie. Ich stellte alles in Frage. Zumal ich nach sieben Jahren Französischunterricht an der Schule und zwei Jahren Studium frustriert feststellte, dass ich nichts von dem verstand, was die Franzosen sagten und auch kaum einen Satz zustande brachte.

#2 Sprachkurse, egal ob zuhause per Internet, mit Privatlehrer oder in einer Abendschule, sind nur die Grundlage. Wenn du eine Sprache wirklich sprechen lernen möchtest, fahre so oft und so lange es geht in das Land, in dem sie gesprochen wird.

Nach drei Wochen, die mir endlos erschienen, begann endlich die Uni und ich fing an erste Kontakte zu knüpfen. Doch es schien unmöglich mit Franzosen in Kontakt zu kommen. Verbissen darauf, endlich wirklich Französisch zu lernen, vermied ich die anderen Austauschstudenten. Doch die Franzosen brauchten keine neuen Freunde. Und so traf ich auf afrikanische Studenten. Diese sprachen schließlich auch Französisch, wenn auch mit einem gewissen Akzent, aber egal.

#3 Komme aus deiner Komfortzone heraus. Umgib dich – wenn möglich – nur mit Menschen, mit denen du nur in der Sprache sprechen kannst, die du lernen möchtest. Das zwingt dich, die Sprache zu sprechen, auch wenn es noch so schwierig erscheint.

Ich tauchte in das exotische Nachtleben in Frankreich studierender Afrikaner ein und traf über diese auch endlich eine waschechte Französin: Melyssa. Sie verbesserte alle meine Fehler, weil ich sie darum gebeten hatte. Das war sehr nervig und frustrierend, da sie mich nach jedem Satz unterbrechen musste. Doch nach und nach lernte ich so immer besser Französisch zu sprechen. Dabei half es auch, ab und zu mal ein Schlückchen Rotwein zu trinken, um die Hemmungen vor dem Sprechen abzuschütteln und einfach drauflos zu quatschen.

Nach einem Jahr in Lyon erschien es mir unmöglich, nach Deutschland zurückzukehren. In Toulouse fand ich eine Uni, die einen Bachelor und Master im Übersetzen anbot. Ich bewarb mich für die Aufnahmeprüfung. Dank Melyssa und ihrer hartnäckigen Korrekturen nahm die Uni mich an, obwohl sie eigentlich nur für Franzosen vorgesehen war.
Also zog ich weiter nach Toulouse. Meiner Mutter brach es das Herz, dass ich nicht zurück nach Deutschland kam, doch sie unterstützte mich mit all dem Papierkram, den es nun für die endgültige Auswanderung zu erledigen gab.

#4 Wenn du vom Auswandern träumst, es aber aus verschiedenen Gründen nicht tust, frage dich warum. Alle Schritte im Leben sind stets mit Opfern verbunden. Hinterfrage deine vermeintlichen Gründe, nicht wegzugehen, um herauszufinden, ob es nicht doch nur Ausreden sind. Wenn du sie als solche identifizierst, stehen sie dir nicht mehr im Weg und du kannst dich aufmachen zu deiner eigenen Abenteuerreise.

In Toulouse holte mich die Einsamkeit erneut ein. Wieder eine neue Stadt, in der ich niemanden kannte. Das Studium war extrem hart und ich fürchtete, dass ich es nicht schaffen würde. Meine geniale französische Mitbewohnerin Pauline und ihre Freunde halfen mir sehr, Fuß zu fassen und mein Französisch immer mehr zu verbessern. Nach und nach wurden meine Noten besser und ich schloss den Master sogar mit einem „Gut“ ab.

Nun ging es auf Jobsuche. Keine leichte Sache. Auf ungefähr vierzig Bewerbungen, erhielt ich eine Antwort. Diese Übersetzungsagentur stellte mich auch direkt ein. Sie befand sich in Paris. Niemals hätte ich mir erträumen lassen, dass ich einmal in Paris wohnen würde.

Ich fand ein Zimmer in einer WG im schicken fünfzehnten Arrondissement. Ein Zimmer für fast 600 Euro … Es war nicht isoliert und im Winter extrem kalt. Doch in zwanzig Minuten zu Fuß war ich am Eiffelturm, wo ich manchmal joggen ging.

Nach den ersten Monaten machte sich schnell der Alltag breit. Die zwei Stunden Arbeitsweg mit der überfüllten Metro und die neun Stunden in einem grauen Büro mit Aussicht auf den ebenfalls grauen Norden von Paris deprimierten mich immer mehr. Die Arbeit war nach einer Weile auch sehr langweilig. Also verlängerte ich meinen Vertrag nicht.

Was nun?

Nach einem Jahr Arbeiten schon die Schnauze voll? Was sollte ich aus meinem Leben machen? Ich wollte eine Dolmetscherschule besuchen, doch wurde wegen unzureichender Französischfähigkeiten abgelehnt. Also ging ich auf Reisen. Mit dem Zug von Berlin nach Athen und zwei Freundinnen im Gepäck flüchtete ich vor der Leere, die sich vor mir auftat.

Unterwegs, irgendwo in einem Internetcafé in Kroatien, erhielt ich eine E-Mail von meiner ehemaligen Vorgesetzten. Sie fanden keinen Ersatz für mich und schlug vor, dass ich mich selbstständig machen könnte und dort so lange aushelfe, bis sie jemanden findet und anschließend als Freelance-Übersetzerin für sie arbeiten könnte.

Das Angebot war zu schön, um wahr zu sein. Ich nahm es an. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich selbstständig zu machen. So ergab es sich einfach irgendwie. In den Anfangsmonaten reichten die Aufträge noch nicht, um in Paris überleben zu können, also suchte ich mir einen Nebenjob als Empfangsdame. Nach zwei Jahren lief es so langsam besser und ich arbeitete nur noch von zuhause aus. Inzwischen hatte ich eine zauberhafte 18 Quadratmeter große Einraum-Dachwohnung bei Republique, im Zentrum von Paris, für nur 680 Euro Miete. Ein Traum.

Nach drei Jahren musste ich diese Wohnung, an die ich über Beziehungen gekommen war, verlassen, da meine Vermieterin sie selbst brauchte. Das traf mich knallhart. Als freiberufliche Ausländerin ohne französischen Bürgen in Paris an eine Wohnung zu kommen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wieder über Beziehungen fand ich eine Wohnung im zwölften Arrondissement, wo es zwar ganz nett war, aber eben nicht mehr so heimisch und vertraut wie in meinem alten Viertel im Zentrum und in meinem kleinen Nest bei Republique. Zumal die Miete nun 850 Euro betrug.

Nach einem Jahr in dieser Wohnung brauchte ich eine Auszeit und reiste mit einer Freundin für einen Monat nach Mallorca. Eine Schnapsidee, die wir dank unserer Selbstständigkeit spontan umsetzen konnten. Wir wollten mal raus aus dem Großstadtmuff und etwas Meeresluft schnuppern.

Schon beim Landen auf mallorquinischem Boden hatte ich Tränen in den Augen. Ich hatte das Gefühl nach Hause zu kommen, obwohl ich noch nie hier gewesen war. Jetzt spinnst du völlig, dachte ich.

In diesem Monat auf Mallorca arbeiteten wir wie auch in Paris von zuhause oder einer Bar aus per E-Mail. Mit dem Unterschied, dass wir am Strand Siesta machten und auf unserer Dachterrasse frühstückten. Es war April und noch sehr ruhig. Wir lernten ein paar Spanier kennen. Nun kamen meine Spanischkenntnisse wieder zum Einsatz. Da ich an den mexikanischen Dialekt gewohnt war, verstand ich hier keinen Mensch. Meine Freundin musste für mich vom Spanischen ins Französische dolmetschen. Selbst nach einem Monat hatte ich noch so meine Schwierigkeiten, mich an die Sprechgeschwindigkeit und die Tatsache, dass Spanier gerne gleichzeitig sprechen, zu gewöhnen.

Bei meiner Rückkehr nach Paris traf es mich wie einen Schlag. Ich hielt es nicht mehr aus. All die Menschen, der Verkehr, das Wetter, die unmenschlichen Mietbedingungen … Ich beschloss spontan und auf unbestimmte Zeit nach Mallorca zu ziehen. Dort wohne ich noch immer. Nach zweieinhalb Jahren verstehe ich inzwischen auch die Spanier hier und werde demnächst wohl auch die Sprache der Einheimischen aus der Inselmitte – Mallorquin, einen Dialekt des Katalanischen – lernen, um mich auch im Dorf meines Freundes richtig integrieren zu können.

#5 Eine Sprache fließend zu beherrschen nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Das ist manchmal frustrierend und gleichzeitig sehr bereichernd, wenn man nach und nach spürt, dass man immer mehr versteht und sich immer besser verständigen kann. Das macht sehr selbstbewusst und stolz, schließlich hat man es ganz allein geschafft.

Als ich damals in der Schule die Möglichkeit bekam, Französisch und Spanisch zu lernen, hätte ich mir nie erträumen lassen, dass diese Sprachen einmal ein so fester Bestandteil meines Lebens werden würden. Dank der Möglichkeit, mich verständigen zu können, fühle ich mich in Spanien und Frankreich so zuhause wie in Deutschland. Die Entfernungen zwischen den drei Ländern und Kulturen sind in meiner Wahrnehmung extrem geschrumpft.

Sprachen öffnen uns die Tore in neue Kulturen und Länder, sie bringen uns Menschen einander näher und ich kann jedem nur ans Herz legen, eine oder mehrere Fremdsprachen zu lernen, und zwar nicht als Theorie für den Job, sondern in der Praxis, im Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern. Es lohnt sich.

Was ist deine Einstellung zu Sprachen?

Wer steckt hinter dem Gastartikel?

Elisa SprachenElisa wohnt seit über zwei Jahren auf Mallorca und lebte davor neun Jahre in Frankreich, fünf Jahre davon in Paris. Ihre Auswandererfahrungen und ihr Hang zum Grübeln bescherten ihr viele Erkenntnisse zum Thema Glück und Erfüllung im Leben. Diese trägt sie nun in vier Sprachen auf ihrem Blog Flohbair zusammen, um so viele Menschen wie möglich daran teilhaben zu lassen.

©Titelbild: Pixabay.com (bearbeitet)

1 Gedanke zu “Enthüllt: 5 Geheimnisse übers Sprachenlernen

  1. Liebe Elisa,

    das Thema Sprachen und Lernen von Sprachen ist derzeit einmal wieder präsent in meinem Leben.

    Einer meiner Lehrer hat mir vor einiger Zeit einen Floh ins Ohr gesetzt.

    >>> Geh‘ in ein Land, in dem Du die Sprache nicht beherrschst und zwar nicht etwa, um die Sprache dort zu erlernen, sondern auf einer neuen Ebenen in die Begegnung mit Menschen und die eigene Wahrnehmung einzutauchen! <<<

    Mich hat diese Aufforderung sofort an einem Nerv gepackt. Bin ich doch ein sehr wort- und text-fokussierter Mensch, einer der deutschen Dichter-Denker-Philosophen-Knalltüten-Poeten-Kandidaten…

    Es könnte darum gehen eine ganz andere Sprache, die jenseits der Worte liegt, die Sprache des Gefühls, die Sprache der Verbindung durch Kontakt und Nähe, anstelle des Kontaktes über den wortreichen Intellekt, wieder zu erlernen.

    Klar, das eine schließt das andere nicht aus. Ich persönlich liebe es mich mit Worten auszudrücken, doch warum nicht auch einmal die Wortlosigkeit, die Sprachlosigkeit erforschen…

    Danke für die Anregung zu beiden Polen. Ich mag' es mein Leben von den Extremen auf eine Wahrheit in der Mitte intervallzusammenzuschachteln.

    Herzlicher Gruß aus der Sprachlosigkeit in den Wortrausch
    Tobias

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